CryptoEngel Theresia Reinhold, 27

„Privacy ist ein Menschenrecht!“

Ich treffe Theresia Reinhold, 27. Sie ist studierte Historikerin, Filmemacherin, Journalistin und hat ein Praktikum bei „netzpolitik.org“ gemacht. Außerdem ist sie ein „CryptoEngel“, das heißt: sie ist Expertin auf CryptoPartys, wo sie Anfängern oder Profis das Thema Verschlüsselung im Netz näher bringt.

Du opferst viel Zeit damit, auf CryptoPartys als CyrptoEngel Leuten beizubringen, wie sie ihre Daten besser schützen können. Gibt dir das etwas zurück?

Ja, es ist ein total schönes Gefühl, dass du Leuten Tools an die Hand geben kannst, mit denen sie sich vor den „großen Bösen“ schützen können, sei es der BND, der Verfassungsschutz oder ein Stalker. Das ist ein schönes Gefühl, was auch gegen die Ohnmacht wirkt, dass wir denken, nichts tun zu können. Wir wissen spätestens seit zwei Jahren, seit Snowden, dass alles, jeder Klick, jede E-Mail, jede WhatsApp-Nachricht, jeder Anruf, gesammelt wird. Deshalb hilft es gegen diese Ohnmacht, auch weil man merkt: Kryptographie im Netz funktioniert wirklich! Das ist das Großartige daran.

Warum fällt es uns normalen Internetbenutzern so schwer, sich um den Schutz der Privatsphäre im Internet zu kümmern?
Weil Menschen generell…

faul sind?
Nicht unbedingt. Wir gewöhnen uns an Prozesse. Die meisten Menschen haben ein ziemlich komplexes und anstrengendes Leben. Wir haben so viele Dinge auf unserer täglichen Agenda stehen, sei es Arbeit, Familie oder andere Dinge, es gibt immer etwas Dringendes. Deshalb wollen wir uns den Rest möglichst einfach machen; einfach im Internet surfen, weil es unserer Recht
ist einfach im Internet zu surfen, ohne dabei überwacht zu werden! Wir werden dabei aber überwacht. Und da wir uns leider nicht auf Staaten verlassen können, müssen wir den Schutz unser Privatsphäre selbst in die Hand nehmen. Und das ist ätzend! Es ist zwar ganz einfach, sich Verschlüsselungsprogramme herunterzuladen, zum Beispiel den „TOR“-Browser, aber diese Programme permanent zu nutzen, bedeutet auch, dass man andere Leute davon überzeugen muss. Und spätestens da trifft man auf Leute, die sagen:
„Ich habe aber nichts zu verbergen“. Aber es geht nicht darum, ob wir etwas zu verbergen haben, ob wir kriminell oder Terroristen sind – „Terror!“, hallo NSA! (lacht)– sondern es geht darum, dass wir ein Recht darauf haben, dass Dinge verborgen bleiben.

Was kann man dagegen machen?

Da der Mensch ein Gewohnheitstier ist, kann man sich daran gewöhnen. Sobald man Verschlüsselungsprogramme benutzt, macht es auch ein bisschen süchtig, weil jedes Mal, wenn man etwas verschlüsselt schickt, hat man das Gefühl: „Ha! Fuck you, system! Ich mach‘ was gegen euch!“. Und das ist ziemlich cool.

Was ist das größere Problem? Die Verbraucher, die ihr Verhalten nicht ändern wollen und damit ihre Daten frei Haus liefern? Oder sind es die Datenkonsumenten, die nicht von der Datenweitergabe und- speicherung absehen wollen?

Für mich persönlich ist das große Problem nicht der Verbraucher, sondern die großen Konzerne, die Staaten und Geheimdienste, die unsere Daten ja unbedingt haben wollen. Alle Daten. Wenn ich WhatsApp installiere, schnappt sich WhatsApp – also auch Facebook – alle Daten, also nicht nur das was wir schreiben. Und wir unterschreiben das jedes Mal, wenn wir die App installieren. Ein anderes Problem ist auch noch, dass es für „computeraffine“ Menschen sehr einfach ist, Verschlüsselungsprogramme zu installieren, aber für sehr junge oder alte Menschen, die sich nie wirklich für PCs interessiert haben, sind die ganzen Programme immer noch zu komplex. Da stehen Fragen im Raum wie: „Wie schreibe ich ein sicheres Passwort?“. Und mal ganz ehrlich: viele dieser Apps sind einfach hässlich. Die große Masse will schöne, optisch ansprechende Dinge! Da muss man einfach einen Mittelweg finden, dass wir gucken, wie wir die Programme schöner machen können, aber dass auch die Verbraucher es akzeptieren und sagen „Okay, dann ist es halt so.“

Ich vertrete jetzt alle „Internet-Ottonormalverbraucher“. Ich benutze Facebook, Google, Instagram etc. bedenkenlos. Was hast du mir zu sagen?

Ich frage dich, ob dir bewusst ist, dass alles gespeichert werden kann und – um diesen alten Polizeisatz zu nennen – alles kann theoretisch gegen dich verwendet werden. Wir wissen nicht, ob das, was wir alle heutzutage im Netz machen, in Zukunft kriminalisiert wird. Zum Beispiel: Die isländische Regierung versucht gerade, Pornos zu illegalisieren. Das heißt, es könnte theoretisch sein, dass die Leute, die heute Pornos gucken, in Zukunft Kriminelle sind und irgendwann Leute vor der Tür stehen und sagen, sie haben „kriminelle Handlungen“ vorgefunden, obwohl das früher erlaubt war. Also frage ich dich, ob dir die kurz und- langfristigen Konsequenzen bewusst sind. Und ich frage dich, ob du weißt, dass Kryptographie eigentlich total einfach ist?

Hast du eine letzte Nachricht an NSA, BND oder Mark Zuckerberg?

Auch an Frau Merkel und die EU? Privacy ist ein grundlegendes Menschenrecht. Und unsere Daten sind keine Währung die verhandelbar ist. Denn es sind unsere Daten, nicht eure. Fuck you! (lacht)

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