Mediencamp 2017

Ramadan: „Der Moment beim Abendessen ist einfach nur geil“

Enes Elmas fastet mittlerweile zum elften Mal – dann verzichtet er von drei Uhr morgens bis halb Zehn abends auf viele reizende Gewohnheiten. Der 25-Jährige hat Medientechnik an der Technischen Hochschule Köln studiert, wo er zurzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter arbeitet. Enes produziert unter anderem Lehrvideos für Professoren.

Wieso fastest du?

Ich mache das wirklich in erster Linie aus Überzeugung zu meiner Religion, weil das bei uns so gemacht werden sollte. Ein zweiter wichtiger Aspekt ist das Mitgefühl zu anderen Menschen, das man dabei zum Ausdruck bringt. Es ist ein Akt der Solidarität mit Menschen, denen es nicht gut geht. Vor drei Jahren bin ich im afrikanischen Niger im Rahmen eines Hilfsprojekts gewesen, wo wir Essen an Bedürftige verteilt haben. Dort habe ich das Elend der Menschen gesehen. Ich denke, dass man dieses Gefühl nur verstehen kann, wenn man das Gefühl des Hungerns erlebt hat.

Wie reagiert dein Körper auf den Verzicht?

An dem ersten Tag habe ich meistens Kopfschmerzen, was meistens jedes Jahr am ersten Tag vorkommt. Am zweiten Tag geht es mir schon besser und nach gut vier Tagen habe ich mich daran gewöhnt. In der Zeit des Ramadans mache ich keinen Sport. Früher habe ich aber während des Fastens Fußball gespielt – da habe ich aber nicht lange durchgehalten. Der Körper ist kraftloser.

Nimmt man beim Fasten ab?

Das ist immer unterschiedlich, aber in der Regel bleibt das Gewicht gleich. In diesem Jahr wollte ich ohnehin abnehmen, weil ich vor zwei Monaten geheiratet habe und einen Monat später wog ich plötzlich sechs Kilogramm mehr. Deshalb ist der Ramadan zurzeit eine zusätzliche Möglichkeit ein paar Pfunde zu verlieren. Ich achte während der Fastenzeit aber darauf, mich gesund zu ernähren und auf fettige Speisen zu verzichten. Mit der Zeit nimmt der Hunger ab, da der Magen kleiner wird und der Körper sich auf die veränderte Nahrung eingestellt hat. Ich esse beim Fasten viel weniger als ich sonst essen würde.

Hast du nicht Angst, deinem Körper zu schaden?

Seit mittlerweile elf Jahren faste ich einmal pro Jahr und ich habe nicht das Gefühl, meinem Körper zu schaden. Wenn ich dieses Gefühl hätte, würde ich nicht fasten. Es ist einfach kein „Muss“. Es ist nur an die Leute gerichtet, deren Körper gesund ist. Wenn man krank ist und das Fasten dem Körper schadet, sollte man nicht fasten.
Forscher sprechen beim Fasten von einer Art Selbstheilung.

Merkst du bei deinem Körper eine Veränderung?

Nein. Ich habe auch davon gelesen, aber eine wirkliche Veränderung habe ich nicht gemerkt. Im Vordergrund steht die Solidarität mit ärmeren Menschen. In der Zeit des Fastens versuchen viele Muslime respektvoller miteinander umzugehen und keine Sünden zu begehen. Es ist nicht nur der Verzicht auf Speisen und Getränke, sondern auch der Verzicht auf Zigaretten und Geschlechtsverkehr.

In diesem Jahr liegt der Ramadan im Sommer und es werden teilweise 30 Grad gemessen. Wie kann man den Ramadan unter diesen Bedingungen als etwas Gesundes betrachten?

Es hat viel mit Überzeugung zu tun. Ich spüre es, dass Gott mich in dieser Zeit unterstützt. Sonst würde ich es wahrscheinlich auch gar nicht schaffen.

Wie entkommst du der Hitze?

Ich habe das Glück, dass ich im Büro arbeite – da ist das Ausharren sehr entspannt. Abends chille ich zuhause. So lässt es sich bis zum Fastenbrechen aushalten, das nach dem Sonnenuntergang gefeiert wird. Oft bin ich im Kreis meiner Familie und da entsteht ein schöner Dialog, da man gemeinsam auf das Essen wartet. Auch Nichtmuslime haben daran schon teilgenommen. Einmal wurde ich sogar bei einem nicht-muslimischen Freund eingeladen, der das abendliche Mahl zubereitet hat.

Der Anblick und Geruch von leckerem Essen ist schwer zu ertragen. Was hast du für Strategien, dem Durst und Hunger zu widerstehen?

Natürlich bekomme ich dann Lust darauf, aber die Motivation ist hoch, sich auf das Fastenbrechen zu freuen. Der Moment, abends zu essen ist einfach nur geil – ein tolles Gefühl, wenn man endlich essen kann. So lernt man den Wert von vielen Dingen viel mehr zu schätzen.

Nach dem Sonnenuntergang macht ihr das Fastenbrechen. Wie gut ist die Jugendherberge auf fastende Muslime eingestellt?

Die Jugendherberge ist hervorragend auf das Fasten eingestellt. Wir haben gestern Fisch und Salat zur Seite gelegt bekommen, die freundlichen Mitarbeiterinnen haben uns das Essen sogar eingepackt. Ich hatte im Vorfeld nicht viele Erwartungen daran und wollte mir sogar etwas Eigenes mitnehmen und nicht viele Umstände bereiten. Die Jugendherberge hat uns sogar ein Frühstückspaket für die Nacht vorbereitet. Da war neben Brot und Aufschnitt sogar ein Knoppers dabei.

… dass du aber nicht um halb 10 essen konntest..

Nein, das habe ich um drei Uhr morgens gegessen und habe mich dann wieder hingelegt (lacht).

Menschen reagieren teils mit Kopfschütteln auf das Fasten. Wie erklärst du denen das?

Ich kann diese Menschen verstehen, die das selber noch nie gemacht haben. Jeder sollte es so machen, wie er es gerne mag. Ich kann diesen Leuten allerdings mit auf den Weg geben, an einem Fastenbrechen teilzunehmen. Es gibt auch öffentliche Fastenbrechen, aber Interessierte sollten es eher im kleinen Kreis erleben. Da ist es auch die Aufgabe von uns Muslimen, Leute einzuladen und Vorurteile abzubauen. Der friedliche Dialog ist immer der beste Weg, Kulturen zu verbinden. Das ist unglaublich schön, weil jeder viel daraus mitnehmen kann.

Zum Ramadan:
• Der Ramadan ist der Fastenmonat der Muslime. Der Zeitraum schreitet jedes Jahr zehn Tage nach vorne. In diesem Jahr beginnt der Fastenmonat am 27. Mai und endet am 24. Juni.
• Der Fastenmonat ist an die Offenbarung des Korans an den Propheten Mohammed durch den Erzengel Gabriel angelehnt. Der Begriff leitet sich aus der Wurzel „ramida“, was übersetzt „brennende Hitze und Trockenheit“ bedeutet und dies soll das Gefühl im Magen der praktizierenden Muslime verdeutlichen.
• Beim Ramadan verzichten weltweit Muslime von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang auf Flüssigkeit und Nahrung, entsagen dem Geschlechtsverkehr und rühren keine Zigaretten an.
• Es wird empfohlen, in diesem Zeitraum vermehrt Geld an Bedürftige zu spenden. Nach dem Sonnenuntergang feiern Muslime das Fastenbrechen – „Iftar“ genannt.

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