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Kommt die #MeToo-Bewegung bald in die Gaming-Szene?

Ohrenbetäubender Lärm, unzählige Schüsse, die nur knapp ihr Ziel verfehlen. An der geöffneten Tür eines leerstehenden Hauses angekommen, merkt der Betrachter nicht, dass ihn nur noch fünf Zentimeter Holz vor dem sicheren Tod schützen. Abrupt packt eine fremde Hand an seiner Schulter und zieht ihn zur Seite. Innerhalb von Sekunden liegt er am Boden. Erst jetzt blickt der Betrachtende nach oben: Eine Frau reicht ihm die Hand. Nimmt er das Angebot an?

Eine vergleichbare Situation wurde im Trailer von „Battlefield V“ gezeigt. Der First-Person-Shooter hat sich beim neusten Teil der Reihe dafür entschieden, den Spielern die Wahl über das Geschlecht ihrer Charaktere im Spiel zu geben. Die Community im Netz tobte. Die Einführung weiblicher Charaktere würde die Authentizität des Spiels ruinieren, lautete die Kritik. Im zweiten Weltkrieg habe es schließlich keine Frauen an der Front gegeben. Auch wenn dies bereits eine falsche Annahme ist, sind es nicht diese Kommentare, die für Empörung gesorgt haben. Einige sehr laute und hasserfüllte Stimmen meldeten sich unter anderem bei Twitter zu Wort. Sie riefen mit sexualisierten Beschimpfungen dazu auf, das Spiel zu boykottieren. Erst kürzlich hatte die „#MeToo“-Bewegung eine Debatte innerhalb der Gesellschaft in die Gänge gesetzt. Wie ist die Stimmung in der Gamingszene? Hat die Branche ein Sexismusproblem?

Nur sieben Prozent weibliche Hauptcharaktere

Obwohl das Klischee des männlichen Gamers schon längst überholt ist und Frauen fast den gleichen Marktanteil im Bereich Gaming besitzen, fehlt es immer noch an der nötigen Repräsentation. 26 Prozent aller Protagonisten von Videospielen, die Anfang des Jahres auf der Spielemesse E3 gezeigt wurden, sind männlich – Nur sieben Prozent weiblich. Das analysierte der Blog „Feminist Frequency“. Zudem werden weibliche Charaktere meist genderstereotyp oder sexualisiert dargestellt. 

„In der Gaming Community bist du solange heterosexuell und männlich, bis dir das Gegenteil bewiesen wurde.“

Laut Kristine Ask, einer norwegischen Forscherin im Bereich Interdisciplinary Studies of Culture, entscheidet sich ein Großteil der Gamerinnen dafür, ihr Geschlecht im Online-Modus zu verschweigen. „In der Gaming-Community bist du solange heterosexuell und männlich, bis dir das Gegenteil bewiesen wurde“, so Ask. Bei dem Gebrauch von Headsets gehen einige Frauen sogar so weit und nutzen Stimmverzerrer, um möglichen Belästigungen vorzubeugen. Am Anfang des Jahres wurden mehrere Stimmen laut, die von sexueller Belästigung in Virtual-Reality-Spielen sprachen. Die virtuelle Realität bringe das Schlimmsten in den Menschen zum Vorschein. Von virtuellem Anfassen bis hin zu rüden Kommentaren: Frauen müssen sich hier einiges gefallen lassen. Ähnlich geht es der LGBTQI-Community, darunter Homosexuellen und Transgendern, die oftmals ähnlichen Attacken ausgesetzt sind.

Der bekannteste Streamer spielt nicht mit Frauen

Ähnlich wie Youtube gehört Twitch bereits zur allgemeinen Medienlandschaft. Mit mehr als einer Million Zuschauern pro Tag hat die Streamingplattform eine Reichweite, von der mancher TV-Sender nur träumen kann. Spätestens mit den Release von EpicGames’ Fortnite dürften dann auch viele Gamer den Namen des erfolgreichsten Streamers weltweit kennen: Tyler „Ninja“ Blevins.

Am Anfang des Monats gab Ninja bekannt, dass er in Zukunft nicht mehr gemeinsam mit Frauen streamen würde. Es dauerte nicht lange und die ersten vorwurfsvollen Stimmen wurden laut. Seine Entscheidung sei sexistisch und er würde seinen Zuschauern somit suggerieren, dass diese Form der Diskriminierung in Ordnung sei. Gegen diese Vorwürfe wehrte sich Ninja vehement. Bei Twitter erklärte er: Seine Entscheidung hätte lediglich damit zu tun, dass er seine Frau und Familie online vor Belästigungen schützen wolle. Sollte es den Verdacht geben, dass er womöglich mit einer Streamerin flirte, könnte dies laut ihm zu einer wochenlangen Hetzkampagnen führen, die er seiner Frau nicht antun wolle.Die Situation zeigt, dass es innerhalb der Community noch zu Veränderungen kommen muss: Kann in der Branche eine Bewegung wie bei #MeToo entstehen?

Das Licht am Ende des Tunnels

Trotzdem sollten die positiven Entwicklungen der letzten Jahre nicht unter den Tisch gekehrt werden. Die erwähnte Aufregung um die Protagonistin in “Battlefield V” änderte nicht die Haltung der Entwickler. EA-Produzent Aleksander Grondal meldete sich zu Wort: “Wenn man sich Battlefield einmal genauer anschaut, sieht man, dass es immer darum ging, sich durchs Gameplay persönlich ausdrücken zu können und Probleme auf eigene Art zu Lösen. Die neuen Charaktere passen somit perfekt zu diesem Denkansatz.” Zudem sagte er, er würde es bereuen, nicht bereits beim ersten Teil des Franchises weibliche Charaktere entwickelt zu haben.

Auch Twitch hat dafür gesorgt, dass Frauen sich auf ihrer sozialen Videoplattform sicherer fühlen können. Sie haben vergangenen Februar ihre Community-Guidelines geändert. Sie wollen härter gegen sexuelle Belästigung und Hatespeech vorgehen und zudem dafür sorgen, dass es weniger sexualisierten Content auf ihrer Seite gibt. Außerdem gab es in den letzten Jahren mit Spielen wie „The Last of Us“ und dem „Uncharted“-Franchise Beispiele für starke weibliche Charaktere in Videospielen. 

Es kündigt sich ein Wandel in der Branche an. Übrig bleibt die Hoffnung, dass es sich um eine rasche Entwicklung handelt. 

Teaserbild: © Riot Games

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