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Abgeschottet.

Der 20-jährige David ist spielsüchtig. Mittlerweile handelt es sich bei Spielesucht, der „Gaming Disorder“, um eine anerkannte psychische Erkrankung. Ein Einblick in das Leben eines Süchtigen.

Ein dunkler Raum, schlechte Luft hat sich dort ausgebreitet, der Lüfter der Spielekonsole ist deutlich zu hören. Das Zimmer eines Computerspielsüchtigen ist meistens dunkel, so auch das von David W. Die Welt der Videospiele bestimmt seinen Alltag, hier entflieht er hin. Raus aus einer Welt, die nicht immer gut zu ihm war. Die Videospiele geben seinem Leben eine Struktur und statten ihn mit einer gewissen Sicherheit aus. Er spielt meist mehrere Stunden am Tag – teils nutzt er zusätzlich die Nacht. Soziale Kontakte hat der 20-Jährige außerhalb seiner Familie kaum. Lediglich seine Mutter, die Oma und die Schwester bleiben ihm als Ansprechpartner. Er begann schon im frühen Kindesalter mit dem Spielen. Die Sucht trat schleichend in sein Leben. Seine Mitschüler mobbten ihn – so sei die Erkrankung, erzählt er, ausgelöst worden. Er schottete sich daraufhin ab.

Wie es zu der Erkrankung kommt

Eine Suchterkrankung entsteht, wenn ein angewöhntes Verhalten den Alltag bestimmt und zunehmend den Tagesablauf kontrolliert. Bei einer Computerspielsucht muss das Zocken immer wiederholt werden, um neue Glücksgefühle zu bekommen. Ständig muss der Drang zum Spielen befriedigt werden. Das hat viel mit einer Glücksspiel- oder Kaufsucht gemein. Besonders anfällig für die neu hinzugekommene Spielsucht sind Kinder und Jugendliche.

Eine Suchterkrankung kann sehr schnell entstehen. Betroffene gewöhnen sich sehr schnell an den Genuss des stundenlangen Abschaltens. Vom gelegentlichen Zocken ist der Weg nicht weit zu zehnstündigen Gamingsessions pro Tag. Aufgrund des hohen Risikos stufte unter anderem die Weltgesundheitsorganisation die sogenannte „Gaming Disorder“ zu Beginn des Jahres als offizielle Krankheit ein. Ebenfalls wurde sie in den Katalog von psychischen Krankheiten mit aufgenommen.

Samira Abo El Saad von der Suchtberatung Eschweiler vergleicht Videospi elsüchtige häufig mit Alkoholkranken, denn es gibt einige Parallelen: Das Gehirn der betroffenen Personen reagiert ähnlich auf Bilder ihres Lieblingsspiels wie ein Alkoholiker, der vor dem Spirituosenregal steht. Hohe Impulsivität, eine geringe Selbstkontrolle und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) sowie ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) sollen die Erkrankung begünstigen, wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in einer Studie schreibt.

Die psychologischen und physischen Folgen können gravierend sein, unter anderem können bei Betroffenen schwere Depressionen und Selbstmordgedanken aus der Sucht heraus entstehen. Zudem kann das dauerhafte Zocken Übergewicht und eine Rückenschäden begünstigen. Wie David W. haben Süchtige in der Regel keinen Antrieb, um beispielsweise Hausaufgaben zu erledigen. Vor allem persönliche Wünsche der Erkrankten bleiben häufig unerfüllt, da diese nicht ohne das Abschalten der Konsole realisiert werden können. Sie sind auf ihren „Konsum“ fixiert. Alles, was ihnen „unwichtig“ erscheint, blenden sie aus. Vor genau solchen Fällen warnt auch Marlene Mortler, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Mortler kritisierte laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Hersteller von Videospielen. Diese würden die Sucht von Jugendlichen in Kauf nehmen: „Sie sollten Spiele nicht so konzipieren, dass Jugendliche nicht mehr davon loskommen.“

Angehörige sind oft überfordert

Die Angehörigen der Suchtkranken, die den Rückzug unmittelbar mitbekommen, erleben häufig auch eine sehr schwierige Zeit. Oft wissen sie nicht, wie sie mit der schwierigen Situation umgehen sollen. Andreas Pauly, von der Bonner Fachstelle für Suchtprävention, sprach in einem Interview mit dem Bonner General-Anzeiger von Anzeichen, die Angehörigen erkennen könnten: „Warnsignale sind nachlassende Schulleistungen, oder wenn ein früher geliebtes Hobby zugunsten des Spiels aufgegeben wird.“

Auch Davids Angehörige bekamen mit, wie schleppend die Suche nach einer Ausbildungsstelle voran ging. Die Zeit nach der Schule war für ihn ohne Orientierung. Das Arbeitsamt half ihm bei der Suche, verhalf ihm zu einigen Jobangeboten. Das war 2016, mittlerweile hat er eine Ausbildungsstelle zum KFZ-Mechatroniker gefunden. Das geschlossene Fenster in seinem Zimmer – vielleicht öffnet es sich bald wieder.

Hilfe gibt es in den kommunalen Suchthilfeeinrichtungen. Dort arbeiten speziell geschulte Sozialpädagogen, die den Betroffenen Hilfe anbieten und ihnen Ratschläge zum Thema Sucht geben. Weitere Infos findet ihr auf der Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: www.multiplikatoren.ins-netz-gehen.de
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